Rüdiger Käßner


Ein leicht bitterer Abgang

Ich werde euch jetzt mal erzählen, was und wie es passiert ist, so wie ich es erinnere. Aber so war’s ja auch. Er war verreist, einfach so. Sagte nur, er wäre ein paar Tage weg, sagte es zur Wand hinter dem Küchentisch, vielleicht zur Uhr, die dort hängt, dann schulterte er seine blaue Reisetasche, rief Bodo zu sich, der sich sofort schwanzwedelnd auf ihn zu wälzte, und verließ die Wohnung. Kein Wort dazu, wohin er wollte, aber das ging mich vielleicht auch gar nichts an. Ohnehin macht er nicht viele Worte in letzter Zeit.
Am nächsten Morgen holte ich die Zeitung rein, ging zum Bäcker und in den Supermarkt; ich brauchte Brot, ein wenig Aufschnitt und Obst, vielleicht noch ein paar Flaschen Bier. Es war kühl aber sonnig, der Tag versprach schön zu werden. Wie üblich war die Straße vollgestopft mit Autos, die am sogenannten Berufsverkehr teilnahmen, auf den Gehwegen liefen Schüler in Richtung Schule, ein paar Rentner führten Hunde spazieren und vor der Bäckerei hockte der immer gleiche Bettler. Drinnen war ziemlich viel los, wie immer um diese Zeit, und ich musste während ich wartete mit der Frau aus dem fünften Stock über das Wetter reden. Dafür waren im Supermarkt zu dieser frühen Stunde noch nicht so viele Leute, und ich traf auch keine Nachbarn, die mit mir übers Wetter reden wollten. Auf dem Rückweg: genau so viele Autos, ein paar verspätete Schüler und immer noch Rentner mit Hunden. Alles war wie immer. Zu Hause machte ich mir erst einmal einen Kaffee und las die Zeitung, aber da stand natürlich auch nichts über ihn drin.
Nach drei Tagen war er wieder da, stellte seine Reisetasche ab und setzte sich an den Küchentisch. Aber jetzt wollt ihr bestimmt erstmal wissen, von wem ich hier eigentlich rede – klar wollt ihr das wissen, und es wäre wohl gut, wenn wir das gleich mal klar stellen. Na, von Ewald natürlich, es geht um Ewald Thustyky. Ewald eben, der weggefahren war und nun wieder am Tisch saß und wortlos erwartete, dass ich ihm einen Kaffee kochte. Das tat ich dann auch.
Eigentlich ist er kein Schlechter, der Ewald, wenn’s wirklich hart auf hart geht, ist er meistens da. Zum Beispiel, als das mit der Badewanne und dem elektrischen Gerät passiert war, worauf ich jetzt aber nicht weiter eingehen möchte, das versteht ihr vielleicht – da hat er alles geregelt, hat auch die Sicherung wieder reingedreht und mich besucht, solange ich bei den Weißkitteln bleiben musste. Und das war länger, als mir lieb war.
Bodo war auch wieder da, natürlich, Bodo ist immer da, wo Ewald ist. Er hockte bei seinem Fressnapf und starrte Ewald an, als wollte er ihn hypnotisieren. Bodo denkt eigentlich immer nur ans Fressen, wenn man das Denken nennen kann, was im Grunde nur dumpfe Fressgier ist. Aber Ewald kümmerte sich erst einmal nicht darum. Der Hund ist nicht mein Bereich, ist es nie gewesen, also kümmerte ich mich auch nicht darum. Sollte Ewald das machen. Ich stellte den Kaffee auf den Tisch und setzte mich zu ihm. Er hatte immer noch das selbe blau-grün karierte Baumwollhemd an wie bei seiner Abfahrt vor drei Tagen, und jetzt, wo ich bei ihm saß, konnte ich riechen, dass er leicht säuerlich roch. Er hatte wohl die ganze Zeit über nicht geduscht. Das letzte Bier schien mir auch noch nicht sehr lange her zu sein.
Er sagte nichts. Trank seinen Kaffee und sagte nichts. Niemand kann so gut schweigen wie Ewald, und in letzter Zeit ist das sogar noch schlimmer geworden. Es gibt Tage, da spricht er kein einziges Wort, sitzt am Tisch und starrt vor sich hin. Kein Job tut ihm eben nicht gut, ist wohl bei jedem so. Bodo japste und legte den Kopf schief, wollte wohl niedlicher Hund spielen, fing dann leise an zu winseln und legte eine Pfote auf Ewalds Bein, um seinen Herrn auf sich aufmerksam zu machen. Der strich dem Hund über den Kopf und stand endlich auf, ging zum Schrank unter der Spüle und holte eine Dose Hundefutter raus. Nachdem er Bodos Napf gefüllt hatte und der sich gierig darauf stürzte, um ihn wieder zu leeren, ging er zum Kühlschrank und blickte hinein.
„Kein Bier da“, stellte er fest. Ich hatte es ausgetrunken und nichts nachgelegt, hatte schließlich keine Ahnung, wann er zurückkommen würde.
Es dauerte noch eine Weile, bis er dann doch endlich was sagte. Er sei nach Hause gefahren, sagte er. Das wunderte mich nun aber doch. War er nicht hier zu Hause, hier bei mir? Ständig hockt er hier rum, trinkt Kaffee und Bier und haut sich die Wampe voll – das ist doch wohl zu Hause. Wohin war er also gefahren, was war das für ihn: zu Hause? Er war drei Tage fort gewesen, also nicht zu Hause, denk ich mal, und nun erzählt er mir, er wäre nach Hause gefahren. Und erwartet wahrscheinlich auch noch, dass ich das verstehe.
Als er dann doch anfing zu reden, war es das reinste Geschwafel, das kann ich euch sagen. Aber allmählich bekam ich doch raus, um was es ging. Das entscheidende Wort war „Mutter“. Ja, er war zu seiner Mutter gefahren, jedenfalls dahin, wo sie mal gelebt hatte, also damals, als sie noch lebte, und wo er aufgewachsen war. Vielleicht hätte ich mir das ja denken können, jaja, aber wer kommt denn darauf, dass ein erwachsener Mann zu seiner Mutter fährt, die schon seit Jahren tot ist. Er hatte sich also mit Bodo in den Zug gesetzt, ein Auto hat er ja nicht, und war in diese andere Stadt gefahren. Ja, das kann ich mir richtig gut vorstellen, wie das fette Tier in den Zug gehüpft ist, oder wie es wohl eher von Ewald reingehoben wurde, und gedacht hat, nun geht es sonst wo hin, zu irgendwas Spannendem extra für Hunde. Und dann standen sie doch nur vor einem Haus, einem Haus, das Bodo noch nie gesehen hatte, drüben, auf der anderen Straßenseite, und das sein Herr und Meister anstarrte wie irgend so ein Heiligtum. Oder was auch immer, denn diese Viecher haben ja wohl keine Ahnung von Heiligtümern und so was. Jedenfalls starrte er mit, was blieb ihm schon übrig, so als Hund.
Und Ewald? Ich habe ja nun keinen Schimmer, was Ewald sich dabei gedacht hat, wieso er dahingefahren war und sich dieses Haus ansah. Mehr kann es ja wohl nicht gewesen sein, hinfahren, sich das Haus ansehen und wieder zurückkommen. Ich glaube nicht, dass er reingegangen ist, oder ich weiß nicht, vielleicht ja doch. Hat sich vielleicht das Treppenhaus angekuckt und in irgendwelchen Erinnerungen gekramt. Aber eher nicht; er hat vielleicht geglaubt, etwas passiert, nicht wirklich gedacht, nur geglaubt, wenn ihr versteht, was ich meine. Dass die Tür aufgeht zum Beispiel, dass sie aufgeht und seine Mutter herauskommt. Kindisch genug kann er ja sein, manchmal. Natürlich ist nichts dergleichen passiert, wie sollte es auch. Vielleicht ist die Tür tatsächlich aufgegangen, aber raus kam nicht seine Mutter, sondern irgendwer anderes, jemand, den Ewald überhaupt nicht kannte, der aber jetzt da wohnte.
Und dann, stelle ich mir vor, sind sie weggegangen, zusammen über den Gehweg getrottet, Ewald und Bodo.
Wenn Ewald etwas von „Früher“ erzählte, also als er noch ab und zu etwas erzählte, das ist nun auch schon etwas länger her, dann kam zwangsläufig etwas von seiner Mutter darin vor. Diese Mutter ist so was wie der Running Gag seines Lebens, und er kann von ihr reden, als gebe es sie noch und als sitze sie bei uns auf dem Sofa. Und manchmal denke ich auch schon fast, es gibt sie noch, und dann sitzt sie tatsächlich bei uns auf dem Sofa. Also nicht so ganz wirklich, aber ich habe so das Gefühl, ihr versteht schon, was ich meine. Ein Sofa übrigens, das ihr nach Ewalds Meinung nicht gefallen würde. Na ja, ich hab’s ja auch ausgesucht, und ich weiß nicht, was ihr gefallen hätte, ist mir auch ziemlich schnuppe. Ich habe die Frau nie kennen gelernt, und das war vielleicht auch besser so. Jedenfalls mag ich mich in solchen Momenten gar nicht mehr auf dieses Sofa setzen, weil ich dann vielleicht auf ihr sitze, oder Ewald wundert sich, weil es für ihn so aussieht, als sitzen wir an der selben Stelle, irgendwie ineinander. Das finde ich dann schon gruselig. Ein wenig gruselig ist auch, dass er anscheinend manchmal sogar mit ihr spricht, irgendwie murmelnd, so dass ich kein Wort davon verstehe, und das soll ich dann wohl auch gar nicht. Das könnten aber vielleicht auch Selbstgespräche sein, ich habe keine Ahnung. Er wird ja auch nicht jünger.
Ein paarmal hat er mich gefragt, ob ich ihm nicht einen Brotpudding machen könnte, weil seine Mutter so phantastischen Brorpudding gemacht hatte, und das wollte er gern mal wieder probieren. Ich kannte so was nicht und wusste erst gar nicht, was los war, hatte nie was von Brotpudding gehört. Aber dann habe ich mich schlau gemacht, wie man so sagt, habe Rezepte rausgesucht und ihm so was gemacht – Brotpudding. Der hat ihm aber nicht geschmeckt. Damals sei er mit Zitronensauce und Rosinen gewesen, beschwerte er sich, also habe ich ihn mit Zitronensauce und Rosinen gemacht. War aber immer noch nicht das Wahre. Kein Wunder, wer kann schon gegen die Spitzenleistungen der einzig wahren Mutter anstinken.
Die nächsten Tage und Wochen standen wir jeden Morgen auf und gingen jeden Abend zu Bett, zwischendurch passierte nicht viel. Ewald sprach immer weniger, ich glaube, sogar die gemurmelten Gespräche mit der Mutter hörten auf. Jedenfalls habe ich keine mehr gehört. Er saß oft am Küchentisch und las die Zeitung von vorn bis hinten durch, trank Kaffee und später Bier. Und natürlich ging er mit dem Hund raus, genau in dem Rhythmus, den Bodo ihm vorgab, Hunde sind ja ziemlich genau bei so was. Eigentlich gingen sie immer in den Park. Dort konnte Bode auf der großen Wiese ein wenig herumtollen, was man bei ihm so herumtollen nennen kann, oder er lauerte den Enten am Teich auf, die sich aber nicht um ihn kümmerten und nie wirklich in irgendeiner Gefahr waren. Ewald saß dann auf einer Bank am Rand der Wiese und starrte vor sich hin. Ich war allerdings nie mit, und jetzt könnt ihr natürlich fragen, woher ich das alles weiß. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass es anders war. Schließlich kenne ich Ewald. Wäre vielleicht ganz gut für ihn gewesen, wenn er mit anderen Hundebesitzern geredet hätte, gefachsimpelt, wie man so sagt, ein bisschen mit Leuten reden ist ja nicht schlecht. Aber das glaube ich nicht, so was hat er nicht getan. Bodo hätte beim Hundevergleich auch nicht besonders gut abgeschnitten, vielleicht wollte Ewald das vermeiden. Dass jemand seinen Liebling scheel ankuckte, zum Beispiel, oder Vorzüge an dem eigenen Vieh betonte, die alle nur dazu dienten, Ewalds Exemplar ein wenig runter zu machen. Ist ja auch nicht schwer, so was. Nein, die sind wohl unter sich geblieben, der Ewald und sein Bodo, und dabei hat jeder gemacht, was er gerade wollte, Bodo ist herumgetollt und Ewald hat auf der Bank gesessen und vor sich hin gestiert. Vielleicht fand Bodo es ab und zu angebracht, sein Herrchen zum gemeinsamen Herumtollen heraus zu fordern, ist auf ihn zugelaufen und hat mit dem Schwanz gewedelt, falls man diesen lächerlich zuckenden Stummel überhaupt noch Schwanz nennen kann. Aber Ewald ist nicht drauf eingegangen.
Abends haben wir dann ferngesehen, alles, was gerade so lief. Am liebsten sieht Ewald Autorennen, aber die gibt’s ja so selten. Oft ist er aber schon zufrieden, wenn es Filme gibt, in denen die Polizei irgendwelche Verbrecher mit ihren Autos durch die Stadt jagt, oder egal, wenn irgendjemand irgendjemanden andern mit dem Auto jagt, und der dann so schnell wie möglich wegfährt. Vielleicht ist es ja ganz gut, dass Ewald selbst keinen Wagen hat, ich weiß nicht, ob ich dann auf dem Beifahrersitz mitfahren möchte.

Ich mache noch einmal einen Brotpudding. Gestern habe ich den Bäcker nach altbackenen Brötchen gefragt, und er hatte tatsächlich welche. Sonst hätte ich frische selbst alt werden lassen müssen. Heute schneide ich sie in kleine Würfel, verrühre Milch mit Eiern und gebe das Brot hinein. Als alles gut durchgeweicht ist, rühre und knete ich den Matsch gründlich durch und gebe Rosinen und etwas Zimt dazu, außerdem noch eine besondere Zutat. Nun muss das Ganze in eine Auflaufform und dann bei etwa 170° für eine Stunde in den Backofen. Laut Rezept soll er anschließend noch etwa einen Tag ruhen, der Brotpudding. Morgen mache ich dann noch die Zitronensauce, dann können wir ihn am Mittag essen. Er wird natürlich nicht so schmecken wie bei Muttern, das ist einfach nicht möglich, aber es wird schon gehen. Vielleicht wundert er sich über den leicht bitteren Abgang, aber er wird nicht viel Zeit haben, darüber zu meckern.



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