Rüdiger Käßner

 

Protokoll


Er hat schlecht geträumt. Es gibt keine Bilder mehr, keine greifbare Spur von dem, was er geträumt hat, aber als er im Morgengrauen erwacht, fürchtet er sich davor, wieder einzuschlafen. Die Laken sind nass von Schweiß, etwas lastet auf seinem Brustkorb, so sehr, dass es ihm schwer fällt, zu atmen. Das einzige, was er weiß, ist, dass er auf keinen Fall wieder einschlafen will. Was, wenn der Traum weitergeht? Die grünen Ziffern des Radioweckers haben sich bei 04:23 Uhr festgehakt, als sei die Zeit gefroren, und an der Wand über dem Bett bewegt sich träge der Schatten einer Baumkrone. Aufstehen, denkt er, ich stehe besser gleich auf, dann schlafe ich wenigstens nicht wieder ein. Das Atmen fällt ihm schwer, er weiß nicht, was passiert, wenn er jetzt versucht aufzustehen. Er muss es trotzdem versuchen, kann sich nicht bewegen, aber schon ist alles wieder vorbei. Die Baumkrone verschwunden, die Wand hellgrau im Tageslicht, und eine Stimme im Radio sagt, der Verkehr im Norden laufe ungehindert und störungsfrei. Für ein paar Minuten bleibt er noch liegen, hört ein Lied, das er schon oft gehört hat ohne sich je den Titel oder die Sängerin merken zu können. Wozu auch. Sein Kopf schmerzt ein wenig vom Wein des vergangenen Abends, aber er kann wieder frei atmen, hat keine Schmerzen mehr in der Brust, und die Angst des frühen Morgens ist tief ins Innere des Körpers zurückgekrochen, hat nur eine kleine Beklemmung zurückgelassen.

Martin frühstückt wie gewohnt. Zwei Scheiben Toast, eine mit Honig, eine mit Käse. Viel Kaffee. Honig, Käse und Kaffee, das sind Gewohnheiten, nichts, was besser schmeckt als anderes. Mit Honig, Käse und Kaffee fangen seine Tage an. Erst süß, dann herzhaft. Früher einmal, da hat er statt Käse auch schon mal Wurst oder Schinken auf die zweite Scheibe Toast gelegt, aber als Hanna Vegetarierin wurde, hörte er damit auf. Wie lange ist das her? Mittags in der Kantine und abends aß er weiter alles, was kam, auch Fleisch, aber morgens wollte er etwas mit ihr gemeinsam haben. Jetzt ist Hanna weg, aber er hatte es sich nun einmal angewöhnt, und seine Gewohnheiten sind hartnäckig. Als wäre es immer noch ihr gemeinsames Frühstück.

Das Sonnenlicht wirft Lichtstreifen durch die Jalousie über den Küchentisch. Während er zur dritten Tasse Kaffee die erste Zigarette raucht, blickt er durch die Lamellen auf die Straße hinaus. Vorgärten, parkende Autos, Bäume, überhaupt viel Grün, alles in Sonne gebadet. Der Nachbar gegenüber, Herr Ahrens, fegt den Gehweg vor seinem Grundstück. Das macht er mindestens einmal in der Woche; auch so ein Gewohnheitstier. Martin macht so etwas nicht, höchstens im Herbst, wenn die Blätter von den Bäumen fallen, oder im Winter, wenn Schnee liegt. Nur dann, wenn er muss. Aber noch ist Sommer. Die Blätter der Kastanie vor dem Haus des Nachbarn beginnen allerdings schon bräunlich zu werden. Sie scheinen nicht auf den Herbst warten zu wollen. Vielleicht wollen sie Herrn Ahrens einen Grund geben für seine Fegerei, vielleicht ist es aber auch einfach nur ein kranker Baum, der früher aufgibt als andere. Ein stiller Mittwoch Morgen, an dem sich noch kaum etwas rührt. Es rührt sich ohnehin wenig in seiner Straße. Kaum Kinder, fast alle seine Nachbarn sind über sechzig. Martin ist mit seinen fünfundvierzig schon einer der Jüngsten, die hier wohnen. Ein Vogel mit gelblich-braunem Bauch und grauen Flügeln lässt sich auf der Balkonbrüstung nieder. Ein paar Sekunden lang scheinen sie sich direkt in die Augen zu blicken, was Martin ein wenig seltsam findet, bei einem Vogel. Dann dreht das Tier sich mit einem schnellen Hüpfer um und wendet ihm den Rücken zu. Ein leichtes Flimmern vor den Augen irritiert ihn; eine kurze Sekunde lang scheinen Vogel und Balkonbrüstung zu zittern, doch dann ist alles wieder normal.

Kurz darauf schmeißt er die Kaffeetasse vom Tisch. Eigentlich will er nur seine Zigarette abstreifen und stößt dabei mit dem Ellenbogen gegen die Tasse. Er hört das Scheppern von Porzellan auf den Fliesen des Küchenbodens. Toll, denkt er, manche Tage haben es richtig in sich. Es geschieht immer öfter, dass er durch unachtsame Bewegungen etwas hinunterwirft oder einfach fallen lässt. Das Fallenlassen verwirrt ihn, macht ihm manchmal sogar Sorgen, wenn es wieder passiert. Aber heute hat er nur eine Tasse hinunter gestoßen, durch eine ungeschickte Bewegung. Das kann jedem passieren. Zwei Minuten lang betrachtet er unschlüssig die zersprungene Tasse in der hellbraunen Lache. Wenn er jetzt erst die Scherben auffegt, wird sich der Feger mit Kaffee vollsaugen, wischt er erst den Kaffee auf, hat er tausend Splitter im Tuch. Schließlich entscheidet er sich, zuerst zu fegen. Splitter im Tuch bedeuten an einem Tag wie diesem auch Splitter in den Händen. So ist das doch immer.

Nachdem der Schaden beseitigt ist und er den kaffeefeuchten Feger ausgespült und zum Trocknen beiseite gelegt hat, schenkt er sich eine frische Tasse ein. Martin denkt über sein Erwachen am frühen Morgen nach. Es war wirkliche Angst gewesen, so sehr, dass er nicht mehr einschlafen wollte. Dass er es für ausgeschlossen hielt, in diesem Zustand überhaupt weiter schlafen zu können. Dann war er doch wieder eingeschlafen. War das möglich? Wer schläft denn ein, wenn er wirklich Angst hat. Vielleicht war das der eigentliche Traum gewesen, vielleicht hatte er bloß geträumt, dass er aufgewacht war und nicht wieder einschlafen wollte und auch nicht konnte, und dabei schlief er die ganze Zeit. War nie aufgewacht. Das wäre doch immerhin denkbar. Einmal hat er von einem Mann gehört, der seine eigene Schlaflosigkeit geträumt hatte. Nacht für Nacht kam es ihm vor, als läge er wach in seinem Bett, stundenlang, wälze sich schlaflos hin und her, und dabei schlief er und träumte nur, er könne nicht schlafen. Aber am Tage war er zerschlagen, als hätte er tatsächlich kein Auge zugetan. Martin weiß nicht, was an dieser Geschichte stimmt, aber warum sollte sie nicht wahr sein?

Er drückt seine Zigarette aus. Noch einen Kaffee, dann muss er los. Lena hat heute Geburtstag. Seine Tochter wird achtzehn, und ganz überraschend ist er dazu eingeladen. Er würde doch nicht etwa den Geburtstag seiner Tochter vergessen, hatte Hanna am Telefon gesagt, und er konnte ihrer Stimme anhören, dass sie es durchaus für möglich hielt. Aber wie gut kennt Hanna ihn noch, nach all den Jahren. Er und Lenas Geburtstag vergessen, den achtzehnten.

Martin wirft einen Blick in den Spiegel. Graue Haut, sie kommt ihm heute grauer vor als sonst, Tränensäcke, auch das Haar schon ein wenig angegraut, - das ist es, was zuerst auffällt. Das dunkelblaue Sakko über dem gelben Hemd sieht nicht wirklich gut aus, nicht wirklich modern. Modebewusste Menschen tragen sicher etwas anderes. Aber er hat sich nie die Zeit genommen, sich Gedanken über seine Kleidung zu machen, keine Gedanken, die über ordentlich und sauber hinausgehen. Dafür ist es nun zu spät. Es wird reichen, um irgendwie überflüssig zwischen Lenas und Hannas Freunden herumzustehen. Wahrscheinlich kennt er keinen von ihnen, woher auch, und umgekehrt wird natürlich niemand ihn kennen. Ein etwas linkischer Mann, bei dem sich gleich jeder fragt, was er da mache, was er da zu suchen habe. Überflüssig und legitimationsbedürftig auf dem Geburtstag der eigenen Tochter, so stand es jetzt. Einer, der nicht dazu passt. Doch er weiß nichts von den anderen Gästen und ob er zu ihnen passt. Er weiß nicht einmal, ob noch welche kommen werden. Aber wenn, dann ist es wenig wahrscheinlich, dass er zu ihnen passt.



Die Tür fällt leise schmatzend ins Schloss. Martin legt den Sicherheitsgurt an und schaltet das Radio ein. Es kann losgehen. Er lässt den Wagen rückwärts die Einfahrt hinunter rollen, wendet und fährt los. Um die Stadt zu verlassen, muss er sie erst einmal durchqueren. Vorbei an den kleinen Häusern in ihren Gärten, mit denen sie die Nachbarhäuser auf Abstand halten, durch die engeren Siedlungen aus rotem Backstein, drei bis vier Stockwerke hoch rechts und links der Straße, an den großzügigeren Bürgerhäuser aus der vorletzten Jahrhundertwende mit ihren verzierten Fassaden entlang, durch Einkaufsstraßen, in denen sich Geschäft an Geschäft reiht, und in denen schon jetzt, am frühen Vormittag, massenweise Menschen damit beschäftigt sind, ihr Geld auszugeben. Durch die vielspurigen Verkehrskanäle der inneren Stadt, wo die Nachbarschaft der Autos lange Bestand hat, so dass ein Kind in einem dunklen Volvo rechts von ihm sehr viel Zeit hat, ihn durch zwei Scheiben hindurch anzustarren. Martin mag das nicht, er fühlt sich unwohl dabei. Das Kind scheint es zu ahnen und umso genüsslicher zu starren. Über den Fluss hinweg und durch die grauen Stadtteile auf dessen anderer Seite, bis alles wieder kleinteiliger wird und in Häusern ausläuft, deren Bewohner sich ihre Nachbarn durch Gärten vom Leibe halten. Fast unmerklich hört die Stadt auf und das Land zieht an ihm vorüber. Immer noch Häuser hier und da, aber vor allem Wiesen und Felder, grüne, braune, gelbe Flächen, die weit hinten von Bäumen abgelöst werden. Die fernen Bäume sind langsamer als die Felder. Eine Reihe von Hochspannungsmasten kommt gemächlich aus dem Hintergrund, wird eiliger, bis sie über die Straße springt und auf der anderen Seite in ihre alte Gemächlichkeit zurückfällt. Dann rücken auch die Bäume näher, drängen von beiden Seiten heran, und die Straße führt für eine Strecke durch einen Wald, der rechts und links dunkel aufragt. Zwischen den Stämmen ist es wirklich finster, und wie immer hat Martin das mulmige Gefühl, etwas könne sich ganz plötzlich aus dieser Dunkelheit lösen, um blitzschnell auf die andere Seite zu wechseln, ein Reh oder ein Wildschwein etwa, das keine Unterbrechung seiner Welt durch Fahrbahnen akzeptiert. Der Wald weicht zurück, und kurz taucht links eine Ortschaft auf, die sich gleich wieder hinter hohen Schallschutzwänden versteckt. Eine Brücke schwingt sich über die Fahrbahnen, dann wieder Wiesen und Felder in allen Schattierungen von Grün, Braun und Gelb. Was auch immer da angebaut wird, Martin weiß es nicht, einmal vermutet er Mais, ist sich aber nicht sicher. Woher soll er es auch wissen, er hat sein ganzes leben in der Stadt verbracht. Kühe, die kennt er, immer wieder ziehen sie an ihm vorbei, liegend, stehend, kauend. Über allem der Himmel; sehr viel Blau mit einigen wenigen Schleierwolken.

Er kennt diese Strecke gut. In der ersten Zeit, nachdem Hanna und Lena weggezogen waren, ist er sie oft gefahren, dann nicht mehr. Es hörte beinahe plötzlich auf, als er merkte, dass Hanna nicht mehr anrief, dass immer er es war, dass er sich erkundigte, wie es den beiden da unten, in der anderen Stadt, so erging. Also rief auch er nicht mehr an, und sie hatten sich nicht einmal erkundigt, weshalb er nicht mehr anrief und nicht mehr kam, hatten es wie selbstverständlich hingenommen und wahrscheinlich sogar begrüßt. Als seien es immer schon überflüssige Anrufe und Besuche gewesen, als sei es einfach angemessener, es sein zu lassen. Er ließ es und wartete doch, dass etwas kam aus der anderen Stadt, wissend, dass nichts kommen würde. Als hätten sie nichts mehr miteinander zu tun, als wäre er nie mit Hanna zusammen gewesen und hätte nie eine Tochter gehabt. Als hätte Lena nie einen Vater gehabt. Bis er eines Tages auch mit dem Warten aufhörte. Er frühstückte jeden Tag, zwei Scheiben Toast, eine mit Honig, eine mit Käse. Viel Kaffee. Er ging in die Bank, fünf Tage in der Woche. Ein kompetenter, wohlgelittener Kollege, der kaum je ein privates Wort sprach. Die Abende verbrachte er zu Hause, selten einmal ging er ins Kino, seit einem halben Jahr überhaupt nicht mehr. An den Wochenenden kümmerte er sich um Haus und Garten, machte, was gemacht werden musste. Manchmal ging er spazieren. Durch die Straßen seines Stadtteiles, an den Gartenzäunen entlang, hinter denen gepflegte Rasenflächen und Beete lagen, bis in das kleine Einkaufszentrum, wo er einen Kaffee trank und den Leuten zusah, die sich die Schaufenster ansahen oder mit Tüten und Paketen vorbeigingen. Er rauchte viel und gewöhnte sich an, nach Feierabend Wein zu trinken. Videofilme, die Zeitung und ab und zu mal ein Buch, das reichte, man konnte in aller Ruhe damit leben. Nur zum Spaß begann er damit, eine Internetseite zu programmieren, da ihm nichts besseres einfiel, eine mit Fotos und kleinen Geschichten aus Lenas Kindheit: ihr erstes Faschingsfest in einem Zauberinnen-Kostüm, ihre ersten Schwimmversuche, ein Schneemann, den sie mit ihm zusammen gebaut hatte, ihr erster Schultag. Ein paar Märchen, die er ihr vorgelesen hatte und die er in der Bücherei wiederfand. Recht sinnlos, das ganze, und wenn er darüber nachdachte, was er da tat, fand er es selbst ziemlich sentimental und irgendwie peinlich für einen Mann seines Alters. Geradezu lächerlich. Aber das musste man doch können: Internetseiten programmieren, und letztlich war es egal, womit man das übte. Allerdings stellte er diese Seite nicht ins Netz, natürlich nicht. Was ging das alles fremde Menschen an?

Seinen letzten Urlaub hatte er vor etwa einem halben Jahr in Holland verbracht, war durch die Provinzen Groningen, Friesland, Flevoland und nach Amsterdam gefahren. Auf schnurgeraden Straßen durch die tellerflache Polderlandschaft, über der sich sehr viel, meist grauer Himmel wölbt. Er machte Station in kleineren und größeren Orten, blieb nirgends lange, gerade lange genug, um die wenigen Straßen abzulaufen und in Cafés und Restaurants zu sitzen. Morgens verließ er sein Hotel, setzte sich ins Auto und fuhr weiter, bis er in einen Ort kam, der ihm einigermaßen besuchenswert erschien, und nahm sich ein Zimmer. Er lief durch die Straßen, saß in Cafés und Restaurants. Ohne weiter darüber nachzudenken, hatte er fast die gleiche Strecke gewählt wie vor über achtzehn Jahren, während ihres ersten gemeinsamen Urlaubs, als sie sich gerade erst ein paar Wochen lang kannten, aber er erkannte kaum etwas wieder. Die Menschen bauten unablässig ihre Städte um, nie waren sie zufrieden, oder sie wussten einfach nicht, wohin mit all den Maurern, Klempnern oder Zimmerleuten. Für die war es zweifellos besser, wenn sie mit dem Umbau der Städte beschäftigt waren. Vielleicht hatte er aber auch einen anderen Blick bekommen, war selbst ein ganz anderer geworden, nicht mehr der Martin, der vor achtzehn Jahren mit Hanna zusammen durchs Land gefahren war, sondern ein anderer Martin, der jetzt allein durchs Land fuhr. Einmal verließ er zu Fuß einen der kleinen Orte an der Küste, ging ein paar hundert Meter in die Dünenlandschaft hinaus und sah sich das Meer an. Hier gab es nichts als Wasser, Dünen und die Seevögel, die sich im Wind treiben ließen oder am Ufer entlang liefen und im Sand herumpickten. Er stand regungslos, vielleicht fünf Minuten lang, atmete die salzige Luft und hörte den Schreien der Vögel nach. Als es ihm zu kalt wurde, machte er sich auf den Rückweg. Hinterher hätte er nicht sagen können, was er während dieser fünf Minuten gedacht hatte – ob er überhaupt etwas gedacht hatte.

In Amsterdam blieb er länger. Ohne wirkliches Interesse besuchte er das Rembrandt-Haus und das Reichsmuseum. Er lief durch die Straßen und an den Grachten entlang, von denen es in Amsterdam genug gab, um mehr als nur eine Woche auszufüllen. Kein Grund also, ständig weiter zu fahren, auch wenn er schnell merkte, dass er auch hier, trotz des überreichen Angebots an möglichen Wegen, immer wieder die selben Straßen entlangging, immer wieder an den selben Grachten vorbei. Es schien fast, als eigne er sich nicht zum Touristen, oder vielleicht gerade doch, wenn er die Museen nur aus Pflichtgefühl besuchte, weil man das eben tat, oder wenn er immer die selben, altbekannten Straßen und Plätze aufsuchte. Ein wirklicher Reisender sollte doch vielleicht auch mal in die Nebenstraßen blicken, das Unbekannte, Neue suchen. Er zwang sich, andere Wege zu nehmen, fand es aber doch recht anstrengend. Einmal, als er abbog, weil er merkte, dass er geradeaus weiter wollte und wieder einmal dabei war, den Spaziergang von gestern und vorgestern zu wiederholen, weil er nicht wie ein Depp immer da entlang wollte, wo alle entlang wollten – da merkte er sehr schnell, dass er die Orientierung verlor. Alles war unbekannt und neu für ihn, wie es doch eigentlich sein sollte, aber er fühlte sich unbehaglich dabei, nicht mehr zu wissen, wie er in sein Hotel zurückkommen sollte. Nach etwa zwanzig Minuten in unbekannten Straßen kam ihm wieder etwas bekannt vor, aber in diesem Jahr war er noch nicht hier gewesen. Er suchte nach einem Straßenschild, fand eines und las: Prinsen-Gracht. In solchen Straßen ging die allgemeine Umbaugeschäftigkeit anscheinend langsamer vonstatten, die in kleineren Städten und weniger bekannten Straßen ständig alles veränderte. So bekam auch er eine Chance, sie wiederzuerkennen. Er schlenderte die Prinsen-Gracht entlang und überlegte, warum er an den Tagen zuvor noch nicht hier gewesen war. Hier irgendwo hatten sie gewohnt, vor achtzehn Jahren. Sein Blick suchte die Häuserfassaden ab, bis er schließlich fand, was er sucht: ein schmales, rotes, spitzgiebliges Haus auf der anderen Seite der Gracht. Er ging über eine der Brücken und stellte sich vor das Haus. Die Pension, die hier gewesen war, gab es nicht mehr, irgendeine Firma hatte jetzt hier ihre Geschäftsräume, aber da er so gut wie kein Holländisch verstand, konnte er das Schild neben dem Eingang nicht entziffern. Man könne Holländisch doch gut lesen, hatte Hanna zu ihm gesagt, es sei so dicht am Deutschen, dass man das Wesentliche immer verstand, und sie hatte ihm auch tatsächlich das meiste übersetzen können. Er aber verstand überhaupt nichts; er sah, dass der Sinn der Worte dicht beim Gewohnten lag, aber es gelang ihm nicht, diesen kleinen Abstand zu überbrücken. Nun gab es ihre Pension nicht mehr, und während er jetzt endgültig nicht mehr leugnen konnte, dass er auf Erinnerungsspuren entlangging, war er fast beleidigt, dass die Holländer eine dieser Spuren weggewischt hatten. Wie kamen die dazu?

Er steckte die zu Fäusten geballten Hände in die Taschen seines Mantels und ging weiter. Es war Ende Februar und immer noch Winter. Irgendwo aß er lustlos einen Pfannkuchen und kehrte früh ins Hotel zurück. Am nächsten Morgen reiste er ab.



In einer Raststätte trinkt Martin Kaffee. Hunger hat er nicht, er sitzt einfach nur da und trinkt seinen Kaffee - wenn das wirklich Kaffee ist, was man ihm gegeben hat. Wäre Kaffee immer so wie der auf Autobahnraststätten, er wäre längst zum Teetrinker geworden. Er sieht sich nach einem Aschbecher um, kann aber keinen entdecken. Niemand raucht hier, ist wahrscheinlich nicht erlaubt. Oder man muss sich den Aschenbecher persönlich abholen und bekommt einen missbilligenden Blick gratis dazu. Eigentlich hätte er jede Menge Zeit, hier zu sitzen; er ist viel zu früh losgefahren. Aber bei diesem bräunlichem Getränk und ohne Zigarette? Vielleicht sollte er für eine Weile von der Autobahn runter und über die Dörfer fahren. Nur nicht zu früh vor Hannas Tür stehen, wie sähe das aus. Ein wenig übereifrig, so, als könne er es gar nicht abwarten. Er kann es nicht, aber das muss Hanna ja nicht unbedingt wissen, und wenn sie es weiß, dann muss er es ihr nicht auch noch bestätigen. Ihr Lächeln, wenn sie die Tür aufmacht, das kann er sich sehr gut vorstellen, dieses ironische Lächeln, wenn sie sagt: Ach, du bist schon da? Sie wird es ganz bestimmt sagen. Er darf nicht einmal pünktlich kommen, mindestens eine halbe Stunde Verspätung, das wäre genau das Richtige. Tut mir leid, es ging nicht früher, bin froh, dass ich es überhaupt einrichten konnte. Als hätte er es ebenso gut auch nicht einrichten können, als wäre er vielleicht gar nicht gekommen, und, was soll's, dann hätte es eben nicht geklappt.

Sehr voll ist es nicht, aber die Leute, die sich hier aufhalten, sind fast immer zu mehreren, kleine Gruppen, Familien, Paare. Außer ihm ist nur noch eine Frau allein an einem Tisch, sie trinkt Kaffee oder Tee, das, was man hier dafür hält zumindest, und liest in einem Buch. Ein Mann versucht lautstark, ein Kind zu erziehen, das partout nicht auf seinem Platz sitzen bleiben will. Alle müssen mithören, ob sie es wollen oder nicht. Dann fängt das Kind an zu weinen, offenbar bemüht, den Mann, vermutlich seinen Vater, an Lautstärke zu übertrumpfen. Einige der anderen Gäste unterbrechen ihre Unterhaltungen, andere reden ungerührt weiter; irgendwo lacht jemand laut auf. Die Frau mit dem Buch blickt hoch, sieht zu dem Mann und dem Kind hinüber. Ein glattes, braungebranntes Gesicht, lange, fast schwarze Haare. Martin schaut sie länger an, als nötig wäre. Wieder gibt es ein Flimmern, für einen Moment zittert die Frau mit den dunklen Haaren. Es ist genau wie heute Morgen, vielleicht ein wenig länger diesmal und begleitet von einem leichten Schwindel. Er reibt sich die Augen. Zuviel Kaffee, denkt er, steht er auf und geht in den Waschraum.

Wieder wirft er einen Blick in den Spiegel. Es hat sich nichts verändert; immer noch graue Haut, immer noch Tränensäcke, auch das Grau seiner Haare ist nicht verschwunden. Das wird auch nichts mehr, denkt er ein wenig resigniert. Dann wäscht er sich die Hände, hält sie wie eine Schale unter den Wasserstrahl und taucht sein Gesicht hinein. Doch selbst davon kommt kaum merklich mehr Farbe in das Grau.

Er verlässt die Autobahn und fährt auf einer Bundesstraße weiter. Die Richtung stimmt, aber die Fahrt wird abwechslungsreicher. Die Landschaft ändert sich, wird allmählich hügeliger, waldiger. Hier und da wächst eine nackte Felswand aus dem Boden, an deren oberem Rand sich Büsche und Bäume drängeln. Die Straße ist kurvenreich, windet sich um Bodenwellen herum, schwingt sich auf Brücken über Täler, durch die sich kleine Flüsse schlängeln, oder führt selbst am Wasser entlang. Auch Häuser klettern Abhänge hinauf, ein größeres Dorf bedeckt eine Hügelkuppe, von deren höchstem Punkt ein Kirchturm in den Himmel zeigt, der sehr viel Blau einhält und einige wenige weiße Wolkenballen. Die meisten Orte aber bleiben im Tal, liegen an Bächen oder Seen und lassen sich von der Straße in zwei Hälften schneiden. Immer wieder muss er an Ampeln warten, muss an engen Stellen den Gegenverkehr abwarten, fragt sich, ob das wirklich noch eine Bundesstraße ist, sieht die gelben Schilder und fährt weiter. Außerhalb der Dörfer fährt er an eingefriedeten Teichen vorbei, an etwas, das er für Weinberge hält, immer wieder an Weiden voller Kühe, stehend, liegend, kauend. Martins Blick geht in der Landschaft spazieren, verirrt sich, bleibt bei vereinzelten Gehöften, muss dann schnell wieder auf die Straße zurück, in den Rückspiegel, wo schon wieder jemand ungeduldig wird. Ein Audi, der es nicht mehr aushält, überholt ihn, schwenkt haarscharf vor ihm wieder in die rechte Spur ein, um einem LKW zu entkommen, der bereits nervös zu hupen beginnt, ohne auch nur einen Millimeter vom Gas zu lassen. Wird Zeit, wieder auf die Autobahn zu fahren, denkt er.



Ob er Lenas Geburtstag vergessen hätte, diese hinterhältige Frage klingt ihm nach wie vor im Ohr, kreist im Hintergrund jedes seiner Gedanken, wie ein geistiger Tinnitus. Nein, er hat ihn nicht vergessen, und Hannas Erinnerung war wirklich überflüssig. Er hätte bloß nicht gewusst, was tun nach dieser langen Zeit. Sollte er anrufen? Ihr schreiben? Geld überweisen und ein Geschenk schicken? Vielleicht alles zusammen, aber dann hätte er absolut keine Idee gehabt, was für ein Geschenk er ihr aussuchen sollte. Was schenkt man einer Achtzehjährigen, die man seit etwa zwei Jahren nicht mehr gesehen hat, von der man im Grunde kaum noch etwas weiß? Er hat eine Tochter und kennt sie überhaupt nicht. Aber ihren Geburtstag, den weiß er.

Der Anruf überraschte ihn. Es war Abend, er saß vor dem Fernsehgerät und sah einer Talkshow zu, die ihn wenig interessierte. Ein Schauspieler erzählte dem Moderator, wie es war, der Sohn eines noch viel berühmteren Schauspielers zu sein. Wen interessierte so etwas? Rein statistisch wahrscheinlich gerade jetzt ihn, denn er war dabei, die Zuschauerquote dieser Sendung anzuheben, wurde vermessen, in Computerprogramme eingespeist und als Beleg für die Beliebtheit von Talkshows missbraucht. Immerhin war ihm der berühmte Vater dieses Menschen auf dem Bildschirm ein Begriff, aber der hatte ihn besten Falls wegen seiner Filme interessiert, nicht wegen seiner Fortpflanzungserfolge. Der Sohn war ihm neu, ein Sohn, der seinen Beruf sicher nur wegen des berühmten Vater ausgewählt hatte. Weil er als Sohn einfach prima Chancen hatte, mehr als der talentierteste Schauspieler. Martin schenkte sich noch ein Glas Wein ein.

Als das Telefon klingelte glaubte er, irgendjemand müsse sich verwählt haben. Es war nach elf Uhr abends, wer sollte ihn um diese Zeit noch sprechen wollen. Er nahm ab, verstand nicht gleich, wer sich da meldete, fragte aber immerhin nach, statt gleich zu sagen: Da sind Sie wohl falsch verbunden. Längst vorbei die Zeit, als ein einfaches „Ich bin’s“ gereicht hatte. Heute verstand er nicht einmal auf Anhieb ihren Namen, selbst ihre Stimme schien ihm fremd. Ein paar Sekunden lang war es still am anderen Ende der Leitung, dann hörte er: Sie sei es, Hanna, die Mutter seines Kindes. Sie sagte es langsam und überdeutlich, gab ihm jede Chance, es dieses Mal zu verstehen. Ein Paar Sekunden lang war es still an seinem Ende der Leitung. Er drehte dem Sohn des berühmten Schauspielers den Ton ab und sagte: Hallo Hanna.

Sie fragte, ob sie störe, wartete aber seine Antwort nicht ab. Er werde doch wohl nicht den Geburtstag seiner Tochter vergessen, fuhr sie fort und nannte gleich darauf das Datum, als stände es als zweifelsfreie Tatsache fest, dass er ihn vergessen hatte. Er wisse sehr wohl, wann Lena Geburtstag habe, sagte er, und weil er anfing, sich über diesen Anruf zu ärgern, fügte er hinzu, er habe zwar im Moment gerade nicht daran gedacht, er habe schließlich zu tun, würde ihn aber niemals vergessen. Ob man jetzt vielleicht schon drei Wochen vorher Bescheid sagen müsse, wenn man etwas nicht vergesse. Nach einer kurzen Pause fragte sie, ob er etwas getrunken habe. Unwillkürlich blickte er zur Flasche, die schon fast leer war, und sagte so fest er konnte: nein.

Gut, sagte sie mit leisem Zweifel in der Stimme, er könne gerne vorbeikommen, wenn er wolle, schließlich sei es ihr achtzehnter Geburtstag. Lena habe nichts dagegen.

Er versuchte, nicht darüber nachzudenken, was es bedeutete, dass Lena nichts dagegen hatte, statt sich vielleicht zu freuen, wenn er käme, oder ihn einfach nur herzlich einzuladen. Es machte wenig Sinn, darauf einzugehen, nicht, solange Hanna am Telefon war, also fragte er bloß, wie es ihnen den ginge. Gut, sagte Hanna, Lena mache im Frühjahr Abitur, dann wolle sie Kunst studieren.

Das war klar, man musste dem Rabenvater auch noch daran erinnern, wann das Kind Abitur machte. Dass sie Kunst studieren wollte, war allerdings wirklich neu, jedenfalls für ihn.

Sie wolle nicht weiter stören, sagte Hanna, und noch während er ihr versicherte, dass sie überhaupt nicht störte, begann sie, ihm Datum – tatsächlich noch einmal das Datum – und Uhrzeit durchzugeben.

Ein kurzes Gespräch. Ein überraschendes und sehr kurzes Gespräch. Übernächste Woche um sechzehn Uhr war er zum Geburtstag seiner Tochter eingeladen. Sie wurde volljährig und hatte nichts dagegen, wenn er kam. Er würde sich frei nehmen müssen, aber das war kein Problem.

Er goss den Rest aus der Flasche in sein Glas. Lena wollte Kunst studieren, hatte Hanna gesagt. Die Tochter des stellvertretenden Filialleiters einer Sparkasse trat natürlich nicht in die Fußstapfen ihres Vater, wie der Schauspielersohn, der immer noch stumm den Mund auf dem Bildschirm bewegte und jetzt mit beiden Händen gestikulierte, als beschriebe er gerade etwas sehr Großes, Rundes. Man erwähnt kaum Freunden gegenüber, dass der Vater stellvertretender Filialleiter ist, und man tritt es schon gar nicht in Talkshows breit Vielleicht wurde er deswegen eingeladen, solch ein Studium bedeutete, dass die Unterhaltszahlungen quasi ins Unendliche verlängert wurden. Da musste man sich den Papa warm halten und konnte schlecht etwas dagegen haben, dass er zum Geburtstag kam. Sich zu freuen wäre allerdings ein wenig zu viel verlangt.

Quatsch, dachte Martin und trank das Glas aus. Und ganz langsam begann er, sich zu freuen.

Er findet die Autobahn nicht wieder. Die Gegend, durch die er fährt, ist ihm völlig unbekannt, und die wenigen Schilder kündigen nur noch das jeweils nächste Dorf an. Vielleicht sollte er sich doch endlich mal ein Navigationsgerät anschaffen, aber jetzt hat er noch keines. Er müsste anhalten und die Karte raussuchen, aber er schiebt das auf. Wäre doch gelacht, wenn er seinen Weg nicht auch so finden würde.

Verkehr gibt es kaum noch, auch die Siedlungen werden seltener. Niemand scheint hier wohnen zu wollen. Ein Stück voraus taucht ein Traktor auf, der ihm entgegenkommt. Links ein einzelner Hof, davor ein paar Gänse, fünf oder sechs Stück, die eifrig auf die Straße zu marschieren. Du meine Güte, wann hat er zuletzt Gänse gesehen? Martin beobachtet sie. Sie scheinen die Straße überqueren zu wollen, einfach so, ohne Sorge, dass ihnen dabei etwas passieren könnte. Sind wohl keine Autos gewohnt. Er will vermeiden, eine dieser Gänse zu überfahren, hat nicht die geringste Lust, sich mit einem wütenden Bauern abzugeben. In solch einer abgelegenen Gegend sind die Leute wahrscheinlich noch durchgehend mit Mistgabeln bewaffnet und haben wenig Hemmungen, sie auch einzusetzen, um ihre Weihnachtsbraten zu rächen.

Kein Problem, die kritische Stelle vor den Gänsen zu passieren, doch Martin hält sie im Blick. Wieder flimmert es vor seinen Augen, alles verschwimmt und ihm wird schwindlig. Dann gibt es unvermittelt einen Riss im Blickfeld, wie ein gezackter schwarzer Blitz schießt er von links nach rechts. Unwillkürlich schließt er die Augen, fährt weiter, öffnet die Augen wieder. Alles scheint in Ordnung, das Blickfeld ist klar, an den Gänsen ist er vorbei. Doch er ist auf die Gegenfahrbahn geraten, ist viel zu weit links, und der Traktor, der ihm entgegenkommt, ist bereits gefährlich nah. Er reißt das Lenkrad nach rechts, sieht ein Motorrad, das urplötzlich hinter dem Traktor auftaucht, ihn überholen will.

Das geht nicht gut, denkt Martin, schert weiter nach rechts aus, hört den dumpfen Schlag, als er das Motorrad streift, rast über die Bankette und auf einen Betonpfeiler zu. Wieso um alles in der Welt steht hier ein Betonpfeiler? Dann wird alles dunkel.



Er kann sich nicht rühren. Jemand hält ihn am Handgelenk, jemand, der eine schwarzgelbe Jacke trägt. Martin sieht, dass seine Hand schlaff herunter hängt. Die Frau in der schwarzgelben Jacke schüttelt den Kopf und lässt sein Handgelenk los. Der Arm, die Hand liegen jetzt neben ihm, sonst ist alles unverändert. Er weiß nicht, ob er die Berührung überhaupt gespürt hat, die Finger der fremden Hand an seinem Handgelenk, aber er spürt etwas Klebriges, das über seinen Körper kriecht.

Blaulicht überall, auf dem Acker ist ein Hubschrauber gelandet. Martin sieht alles, sieht auch, wie jemand auf einer Trage fortgetragen wird. Um ihn kümmert sich jetzt keiner mehr. Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Die Frau in der schwarzgelben Jacke wendet ihm den Rücken zu. Er will etwas zu ihr sagen, will fragen, was passiert ist, und er kann es nicht. Aber irgendwie ist ihm das jetzt auch egal. Er hat nicht das Gefühl, dass er mit all dem noch etwas zu tun hat..



Ringsum Felder im Sonnenlicht. Grün, braun, gelb, hier und da kleine Inseln aus dunklen Bäumen. Wann ist er zum letzten Mal durch ein Feld gegangen, einfach nur so? Hat er es überhaupt schon einmal gemacht? Aber wahrscheinlich ist das gar nicht erlaubt, und nun ist es wohl zu spät dafür.

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